Frohe Ostern, lieber Johann

Mein Vater erzählte zu Ostern immer wieder diese Geschichte. Jedesmal kam sie allerdings etwas anders daher und so weiss ich nicht, ob sie sich tatsächlich auch so zugetragen hat.
Fragen kann ich niemanden mehr. Sowohl mein Großvater, mein Vater und seine beiden Brüder sind mittlerweile verstorben.

Die nachfolgende Geschichte spielt in der Zeit, als sie alle noch zusammen auf dem elterlichen Hof waren.

Ereignet hat sich das alles, als mein Vater noch ein kleiner Junge von etwa 12 Jahren war. Mein Großvater war Zeit seines Lebens  ein umtriebiger Mensch. Er hatte sich früh dazu entschlossen, mehr sich den Menschen zuzuwenden als den eigenen Hof zu bewirtschaften. So kam er als Prädikant der ev. Kirche Hannover im Kirchenkreis Potshausen weit herum. Ich glaubte als Kind, es gäbe eigentlich niemanden, den er nicht kannte.
So kam es natürlich auch, dass er bei einigen alleinstehenden Damen der Gesellschaft ein und aus ging. Nun will ich über nichts spekulieren, richtig war aber, dass doch einige Damen ihm nachstiegen.

Es war der Ostersonntag und nach den Erzählungen meines Vaters, waren zu der Zeit am Nachmittag er und seine Brüder und sein Vater in der Küche anwesend. Ob meine Großmutter auch zugegen war weiss ich nicht, könnte mir es aber denken, dass aufgrund einer möglichen Abwesenheit es erst zu dem kam, worüber ich schreibe. Meine Großmutter war zeitlebens krank. Möglich ist es, dass sie zu der Zeit bei Ihrer Verwandschaft in Wattenscheid war.

Als alle so zusammensaßen, ging die Tür zur Küche auf und eine Frau mittleren Alters trat hinein. Dazu muss man wissen, dass es zu damaliger Zeit in Ostfriesland durchaus üblich war, die Aussentüren geöffnet zu halten. Mein Vater sagte, er und seine Brüder hätten sofort gewußt, um wem es sich da handelte.
Es muss sich um eine auffallend hübsche Frau gehandelt haben und mein Vater erzählte mir auch mal, wie sie hieß, aber leider habe ich das vergessen. Mein Großvater muss ein sehr erstauntes Gesicht gemacht haben und er schaute verlegen zu seinen drei Söhnen, die alle nebeneinander auf dem Sofa saßen und dem lauschten was kommen würde.
Die Frau, nennen wir sie, der Einfach halber Anni, also Anni ging direkt auf meinen Großvater zu, kramte dann etwas umständlich in ihrer Handtasche um dann eine Tafel Schokolade herauszuholen. Sie reichte ihm die Tafel Schokolade, umarmte ihn, küsste ihn auf die Wange, sah ihn dann freudestrahlend an und sagte: „Frohe Ostern lieber Johann.“
Nun kenne ich meinen Vater und auch seine Brüder. Sie alle waren immer darauf aus, andere auszulachen, sich einen Schabernack zu leisten. Mein Vater sagte, sie alle wären in dem Moment in ein brüllendes Lachen ausgebrochen.
Anni verschwand in dieser für sie dann doch wohl peinlichen Situation wieder durch die Küchentür nach draussen. Mein Großvater lief knallrot an und verließ mit wütendem Gemurmel ebenfalls die Küche.

Die Tafel Schokolade? Ich glaube die Jungs haben sie schnell aufgegessen, so dass es keine Beweise mehr gab.

Kein Ostern, ohne dass meine Onkel zu Besuch kamen, kein Ostern in dem diese Geschichte nicht erzählt wurde. Vornehmlich wenn mein Großvater dabei war. Irgendwie klang sie auch jedesmal etwas anders. Ich bin sicher, dass an der Geschichte viel wahres dran ist, aber eigentlich ist mir das auch egal.

In diesem Sinne: Frohe Ostern lieber Johann. Frohe Ostern Papa, Frohe Ostern Bernhard, Frohe Ostern Artur.
Ihr fehlt mir alle sehr, aber an Ostern seid ihr so präsent wie sonst nie.

Der unsichtbare Feind

Wohin gehst du, wenn deine Heimat die Zuversicht war?

Es ist überall.
Es frisst sich in uns hinein
Es lässt uns nicht ruhen
Es lässt uns nicht gedeihen
Es klammert sich um unsere Seele
Es hält uns fest
Bis alles zerstört ist
Nichts wird mehr sein wie es mal war

Wird unsere Heimat die Angst sein?
Wird unsere Heimat das Misstrauen sein?
Wohin gehst du wenn deine Heimat die Zuversicht war?

jbw März 2020

The Dead of the Foxhunter

Es war Spätsommer und bald würde der Herbst kommen. Der alte Jäger sass in seinem mit Schaffell bezogenen alten Sessel und sinnierte vor sich hin. Der Sessel stand vor der Terrassentür und er konnte mit seinem Gehstock die Tür aufstoßen wenn er die Luft im Zimmer nicht mehr ertragen konnte. An diesem Gehstock, den er seit etwa einem Jahr hatte, war am oberen Ende eine Fahrradklingel angebracht. Hiermit konnte er einen seiner zwei Diener herbeordern, die dann all das für ihn taten, was er nicht mehr konnte.
Das Gehen fiel im schon seit Jahren zunehmend schwerer. Dieses Jahr würde es das erste Jahr sein, dass er nicht mehr mit auf die Jagd nach den Böcken gehen konnte. Schon seit Jahren war er nicht mehr in der Lage auf sein Pferd steigen, die Fuchsjagden, die er so liebte, sie waren für immer für ihn vorbei. Im ersten Jahr, als er merkte das das Reiten auf der Flur nicht mehr gefahrlos für ihn sein würde, da war er noch mit dem Pferdewagen zur Strecke gefahren und hatte mit den anderen nach der Jagd die Strecke geblasen. Doch auch das Horn, es war mittlerweile nur noch ein Stück Blech für ihn. Seine Lunge hatte nur noch wenig Kraft und der Arzt meinte er müsse jetzt besonders auf sich aufpassen. Er hatte damals nichts dazu gesagt, ein Leben ohne Jagd, das war für ihn nicht vorstellbar.
Hier im Lakeland Distrikt mit seinen sanften Hügeln, den sattgrünen Wiesen, die wie überall im Norden, mit Steinwällen umzäunt waren, hier gehörte die Jagd zum Leben. Töte niemals etwas, was du auch nicht essen würdest. Das hatte sein Vater ihm, als er noch ein kleiner Junge war, gesagt. Er hatte sich sein Leben lang daran gehalten. Er brauchte das Geld, das er mit dem Verkauf von Wildbret verdiente nicht. Sein Vater hatte ihm ein stattliches Vermögen hinterlassen und ohnehin gab er das Fleisch den Menschen auf seinen Ländereien gerne. Die wenigen Bauern hatte ihre Not, mit dem was sie hatten, auszukommen. So versorgte er sie mit Hirsch, Reh und Kaninchen. Nur den Fuchs, den alten Räuber, den jagte er aus der reinen Lust am Jagen. Er war schlau und der alte Jäger hat ihn oft tagelang alleine nachgestellt. Manchmal gewann der Fuchs und manchmal er, der Jäger. Für ihn war es wichtig, dass das Gleichgewicht immer wieder hergestellt wurde. Die Treibjagden auf den Fuchs, wie sie in England seit Jahrhunderten üblich sind, sie widerten ihn an. Das was du jagst, das muss auch eine Chance haben davonzukommen, das war stets seine Devise gewesen.
Der Wind rüttelte an den Fensterläden und der alte Jäger merkte, obwohl es draussen noch warm war, die Kälte an seinen Beinen hochzog. Er konnte es spüren wie die Kälte seine Brust erreichte und ihn das Gefühl überfiel , die Luft würde ihm wegbleiben. In dem Moment dachte er: Dann lass es vorbei sein, hol mich, wer immer du bist, Gott oder Teufel oder wer weiss sonst was. Aber diesen Gefallen wurde ihm nicht getan. Nach etlichen Hustenanfällen kam er wieder etwas zu Kräften und seine Diener – sie waren mehr als das für ihn, fast schon Freunde – seine Diener umsorgten ihn und so ließ der Tod weiter auf sich warten.
In der folgenden Nacht schlief er schlecht. Er wachte mehrfach auf, zündete die Petroleumlampe, die neben ihm auf dem Nachttisch stand, an und starrte zur Decke. Immer öfter hatte er das Gefühl die Dunkelheit um ihn herum nicht mehr ertragen zu können. Er horchte in die Nacht, das Fenster stand immer offen, im Sommer wie im Winter. Der alte Jäger versuchte zu hören, welche Tiere draussen unterwegs waren. Seine Augenkraft verließ ihn zunehmend, aber sein Gehör war immer noch geschärft. Ein Rascheln in den Laubhaufen, er wusste genau ob das Geräusch von einem Igel oder von einer Maus herrührte. Selbst das schnelle Flirren der Luft, das von einer Fledermaus oder von einer Eule herrühren konnte, er konnte es hören und deuten. Sie sind alle da draussen, dachte er. Sie jagen, weil sie jagen müssen. Wer nicht auf die Jagd geht, der stirbt. Der Tod als Teil des Lebens, für ihn eine Selbstverständlichkeit. Auch für ihn persönlich.
Wenn er im Bett lag, konnte er auf der gegenüberliegenden Seite die Uhr beobachten. Die Uhr hatte ein Pendel und ein Zifferblatt mit römischen Zahlen darauf. Neben dem runden Glas, das das Zifferblatt abdeckte, waren darunter noch zwei Glasfenster. Durch die konnte er sehen, wie das Pendel hin und her schlug. Eine Bewegung eine Sekunde. Er hörte das leise Klacken nicht mehr, denn er hatte sich daran gewöhnt. Nur wenn es nicht schlug, weil die Diener vergessen hatten es aufzuziehen, dann fehlte im das Klacken. Doch manchmal wenn er so wie heute nicht schlafen konnte, dann beobachtete er das Pendel und ihm wurde bewusst das mit jedem Schlag sein Leben kürzer wurde. Unaufhörlich, ohne Erbarmen, kroch die Zeit dahin und frass ihn innerlich auf. Dann konnte er sich oft stundenlang nicht der verrinnenden Zeit entziehen. Er sah auf das Zifferblatt. Drei Uhr war es. In ihm kamen die Gedanken hoch, die Gedanken die immer öfter zu ihm kamen und die er nicht mehr loswerden würde. Heute, so dachte er, heute ist ein guter Tag.
Er griff nach der Glocke die neben im auf dem Nachttisch stand und läutete. Er wartete, denn seine Diener waren es nicht gewohnt von ihm nachts geweckt zu werden. Nach einigen Minuten kam einer von ihnen herein. Sir, sagte er fragend. Hilf mir aufzustehen, sagte der alte Jäger, ich möchte mich in den Sessel dort setzen. Er deutete auf den Schaffell-Sessel an der Tür.
Sein Diener half ihm, indem er ihm unter die Arme griff, in den Sessel zu gelangen. Jack, sagte der alte Jäger, hol Tom her, ihr müsst mir heute einen Gefallen tun. Jack sah ihn verwundert an, ging jedoch ohne eine Frage zu stellen ins das Schlafzimmer von Tom. Sie kamen nach einigen Minuten wieder.
Ihr müsst mir heute Nacht einen Gefallen tun, sagte der alte Jäger, diesmal zu beiden. Sie schauten ihn mit fragenden Augen an. Sie kannten seine kauzige und manchmal schroffe Art, dennoch arbeiteten sie gerne für ihn. Er hat sie stets ordentlich behandelt. Es ging ihnen beide besser, als manch andern, der für seine Herrschaften im im Distrikt arbeiten musste. Der alte Jäger hatte sie immer mit Respekt behandelt. Jeder hat seine Stellung im Leben, hatte der alte Jäger gesagt. Jeder Mensch hat ein Anrecht auf eine ordentliche Behandlung.
Der alte Jäger sah sie an. Das worum ich euch nun bitte, sagte er mit leiser Stimme, das tut bitte ohne mich zu fragen warum ihr es tun sollt. Tom und Jack standen vor ihm, regungslos aber mit fragender Miene.
Ich kann kaum noch gehen, sagte der Jäger. In 2 Stunden geht die Sonne auf. Ich möchte, dass ihr mich in diesem Sessel an die Lichtung bringt. Tom und Jack wussten, um welche Lichtung es sich handelte. Dort war ihr Herr viele Male im Jahr auf Ansitz. Manchmal kehrte er mit einigen Hasen oder auch Dachsen zurück. Ein andermal hatte er ein Reh geschossen. Immer waren es Tiere, die entweder schwach waren oder alt. Oft fragten sie sich warum er nicht, wie andere Jäger auf Trophäen aus war. Der alte Jäger hatte ihnen erklärt, dass es sich eher als Wolfsersatz sehen würde. Sie hatten das nicht ganz verstanden, trauten sich aber nicht ihn weiter auszufragen.
Der alte Jäger wog nicht mehr viel und die beiden Diener waren kräftige Männer und so nahmen sie ihn, mitsamt dem Sessel und trugen ihn vom Landgut nördlich hinweg zur Lichtung. Sie durchquerten einen alten Buchenwald. Zum Glück schien der Mond aber sie hatten noch eine Petroleumlampe mitgenommen. Sie dachten die ganze Zeit darüber nach, warum sie den alten Jäger dorthin bringen sollten. Ihr Herr sagte die ganze Zeit über kein Wort, aber er war wach, hellwach und seine kleinen Augen suchten nach allem was er für interessant hielt. Oft hielt er den Blick nach oben zu den grünen Baumwipfeln, doch in der Dunkelheit waren noch keine Vögel unterwegs. Eine Eule querte ihren Weg und der alte Jäger hielt den Atem an.
Sie brachten ihn, ohne ihn einmal absetzen zu müssen, an die Lichtung. Der Mond schien auf das Feld und der alte Jäger sah wie der Tau auf den Gräsern hing. Wie ein Schleier dachte er, wie ein Hochzeitsschleier. Die Natur als Braut. Sie vermählt sich jeden Tag aufs neue mit uns. Ihm gefiel dieser Gedanke und fast hätte er sie seinen Dienern anvertraut. Der Platz an dem er nun saß, er war etwas erhöht, so dass er alles überblicken konnte.
Sir, sagte einer der Diener, wir haben ihre Büchse vergessen. Der alte Jäger sah ihn an und sagte: Die brauche ich heute nicht. Bitte lasst mich jetzt alleine. Wenn die Sonne eine Handbreit über dem Horizont aufgegangen ist, dann holt ihr mich wieder. Er bat beide zu sich. Er nahm ihre Hände und schaute sie an. Mit nicht ganz fester Stimme sagte er: Danke. Sie sahen ihn an, dann sich gegenseitig. Sir? fragten sie. Geht jetzt, sagte der alte Jäger, jetzt in seinem herrischen Ton. Verschwindet endlich.
Er horchte in die Nacht, hörte seine Diener durch das Dickicht gehen, sie flüsterten leise. Nach und nach konnte er ihre Stimmen nicht mehr hören, auch ihre Schritte, die über getrocknete Äste gingen, waren nicht mehr vernehmbar. Nun war er allein. Allein mit sich. Doch er fühlte sich überhaupt nicht so. Hier draussen, hier war er zu Hause. Er zog die Luft durch seine Nase, ganz langsam sonst musste er husten. Der Duft von frischer Erde, vermodertem Holz und nassem Gras vermischte sich zum Duft, das sein Leben war. Noch einmal, so dachte er, noch einmal alles in mich aufnehmen. Er schaute auf die Lichtung und sah das der Tau langsam abnahm, die Sonne ließ ihre ersten Strahlen am Horizont erahnen. Nur langsam wurde es heller. Ein goldener Strich am Horizont ließ die Welt in eine Farbe tauchen, die er so mochte. All das, so sprach er zu sich selbst, all das kann man nur einmal am Tag erleben, doch viele Menschen sehen es nie in ihrem Leben.
Er schaute nach oben. Über ihn hatte eine alte Buche ihre Äste gespannt, wie ein großer Baldachin überdachte sie ihn. Er kannte diese Stelle seit seiner Kindheit. Schon mit seinem Vater hatte er hier Stunden verbracht. Nun kam es ihm vor, das auch die alte Buche mit ihm gealtert schien. Einige ihrer Äste waren kahl und dürr. Wie meine Beine sagte er und lachte etwas. Auch war das Blätterdach nicht mehr so dicht wie es mal war. Wir haben alle unsere Zeit hier, mein Freund, sagte er zu dem Baum.
Plötzlich sah er vom rechten Waldrand her drei Rehe auf die Lichtung treten. Doch obwohl er diesen Anblick schon so oft gesehen hatte, diesmal schlug sein Herz noch schneller. Es war das Herz eines Jägers das sein Blut durch die Adern jagte. Er öffnete leicht den Mund damit sein Atem nicht hörbar war. Die Rehe gingen in einen Abstand von etwa 10 Meter hintereinander. Der alte Jäger rührte sich nicht. Mit einem Mal fühlte er kein Alter in sich. Er erinnerte sich an die jungen Jahre als er in der Morgendämmerung auf sie gewartet hatte. Es ist jedesmal so. Der Augenblick in dem man das Wild sieht, ist wie das erste Mal, immer. Oft hatte er gar nicht gejagt, so wie heute, ging oft ohne Büchse raus. Nur den Revolver hatte er dabei. Einmal hatte er eine unliebsame Begegnung mit einer Wildschweinbache gehabt. Damals hatte er den Revolver nicht dabei und sein Hund hatte die Begegnung nicht überlebt.
Der alte Jäger zog die Decke über seine Schultern. Es fröstelte ihm leicht. Die Rehe ästen jetzt friedlich im Morgengrauen, immer wieder schauten sie auf und oft glaubte er, das sie ihn längst gesehen hätten und irgendwie wussten, dass er seine Büchse nicht dabei hatte. Ihr seid gar nicht so dumm, wie manche Leute glauben, murmelte er.
Die ersten Vögel fingen an ihr Lied zu singen und die Sonne erhellte mehr und mehr die Umgebung. Er liebte diesen Übergang von der Nacht in den Tag. Wenn etwas neues anbricht, dann muss vorher etwas altes sterben, dachte er. Er fühlte ein kleines Stechen in seiner Lunge und die Schmerzen die jeden Tag da waren, an diesem Morgen waren sie noch stärker. Er schaute in den Himmel. Ein Falke kreiste über die Lichtung und suchte nach Beute. So mancher wird den Tag nicht überleben, sage er zu sich.
Lange saß er da und er beobachtete nur den beginnenden Tag. Nichts woran er sonst dachte. Alles war gut, alles ist im Hier und Jetzt. Es ist immer nur der Augenblick der zählt. Die Gegenwart ist ist so klein, dass wir sie meist verpassen und in der Vergangenheit denken. Er fühlte wie sein Atem langsamer wurde. Die Schmerzen in der Brust sie waren nur noch leicht fühlbar. Er merkte, dass er seine linke Hand nicht mehr bewegen konnte. Doch er geriet nicht in Panik. Er saß da und er hörte ein kleines leises Geräusch neben sich. Er traute sich kaum den Kopf zu bewegen und aus de Augenwinkeln sah er eines der jungen Rehe. Es stand seitlich etwa fünf Meter von ihm entfernt. Unmöglich das es mich nicht in der Witterung hat, dachte der alte Jäger, der Wind steht doch auf ihn. Er sah wie das Reh langsam näher kam. Hin und wieder nahm es ein Büschel Gras, fraß es und schaute sich um. Dann nach einigen Minuten, oder waren es schon Stunden, der alte Jäger hatte kein Gefühl mehr für Zeit, kam es immer näher.
Der alte Jäger merkte, wie sein Herz langsamer schlug und eine eisige Kälte stieg von seinen Füßen hinauf, über die Beine, seinen Bauch und dann umklammerte die Kälte sein Herz. Wie eine kalte Faust fühlte es sich an und es war als die Faust sich immer mehr zusammenzog. Er atmete langsam und ruhig. Er fühlte keine Angst, er wusste, das die Zeit gekommen war. Das Reh, wie ein Zeichen für die Versöhnung mit der Natur, schuldlos und ohne Angst, kam ganz nah. Er fühlte noch wie die weiche Nase an seine Hand stupste.
Dann, ganz langsam, schwand alles Leben aus ihm.
Ein Schwarm Vögel stieg aus den Bäumen, das Reh erschrak sich und stob in großen Sätzen davon. Der alte Jäger saß in seinem alten, mit Schaffell bezogenen Sessel an der Lichtung und hatte seinen Frieden gefunden.

Nie vergessen

Gedanken nicht 

verblassen,

Nie vergessen 

die uns haben verlassen.

Verloren ihr Leben.

Des Lebens Glück 

war ihr nicht gegeben

Vergesst nie der Toten Mahnung 

Sagt später nicht 

Ihr hattet keine Ahnung 

Die Sonne strahlt 

zeigt uns ihre Lebenskraft 

Niemandem sonst

gebührt über uns 

die Macht.

     jbw 18.11.18