Die Frau auf dem Friedhof

Die Begebenheit von der ich erzählen möchte, trug sich vor ein paar Jahren zu. Ich ging eines Nachmittags an einem heißen Augusttag mit meinem Hund spazieren. Wir kamen, wie so oft, am Friedhof vorbei. Dort sah ich ein Taxi heranfahren und anhalten. Aus dem Taxi stieg eine Frau. Das alles ist noch nichts Besonderes. Taxis halten überall an, Menschen steigen aus und Taxen fahren weiter. Das ein Taxi an einem Friedhof anhält, das war für mich etwas Besonderes. Meine Aufmerksamkeit galt der Frau die hier aus diesem Taxi stieg. Es war eine große und sehr elegant gekleidete Frau, sie trug ein cremefarbenes langes Kleid, auf ihrem Kopf einen großen hellen Strohhut. Der Taxifahrer half ihr aus dem Kofferraum einen Trolley rauszuholen. Während der Zeit in der ich das beobachtete, konnte ich das Gesicht der Frau nicht sehen, ich überlegte wie alt sie wohl sein mochte. Irgendetwas faszinierte mich an ihr. Sie nahm den Trolley und ging aufrecht langsam, ruhigen Schrittes dem Eingang des Friedhofs zu. Automatisch wie von selbst, ohne dass ich es bewusst wollte, ging ich hinter ihr her. Ihrem Gang nach zufolge musste sie schon älter sein. Ihren ganzen Bewegungen nach strahlte sie etwas Außergewöhnliches aus, das war mir vollkommen klar. Es faszinierte mich und ich versuchte soweit hinter ihr zu gehen, dass sie mich nicht erkennen konnte, denn ich wollte nicht, dass sie sich verfolgt fühlte. 

So ging ich auf dem Friedhof auch einen anderen Weg als sie, immer wieder versuchte ich ihr Gesicht zu erkennen aber durch den großen Hut war es mir nicht möglich. Ich behielt sie im Auge. Bei all den Menschen auf dem Friedhof war sie etwas Besonderes, ihre Erscheinung war beeindruckend. Nach einiger Zeit schien sie ihrem Ziel näher zu kommen. Zielstrebig ging sie auf ein Grab zu. Sie stellt ihren Trolley zur Seite und betrachtete eine Zeit lang das Grab ohne sich zu rühren. Ich hatte in der Nähe eine Parkbank entdeckt und setzte mich darauf. Ich nahm mein IPhone aus der Tasche und tat so, als ob ich schreiben würde. Dabei beobachtete ich sie fortwährend. Dann sah ich, wie Sie aus ihren Trolley etwas herausholte, ich konnte zuerst nicht erkennen was es war. Ich sah, dass es Gummihandschuhe waren, aber es waren keine normalen Gummihandschuhe, diese Handschuhe, sie waren fast rosa, sie passten perfekt zu ihrem Kleid. Sie zog die Handschuhe an. Die Stulpen reichten ihr bis zur Armbeuge. Dann beugte sich über das Grab, sie hatte eine kleine Schaufel in der Hand und eine kleine Harke, es schien so, als ob sie Unkraut und alte Blumen vom Grab entfernen wollte.

Ich saß gewiss fast 20 Minuten auf der Bank. Während dieser Zeit arbeitete sie ohne sich wirklich einmal aufzurichten an dem Grab, dabei beugte sie sich nur runter, setzte sich nicht einmal auf die Knie. Ihren Hut behielt sie auf. Ich ließ meine Gedanken kreisen. Wer mochte sie wohl sein? Wessen Grab würde sie hier pflegen? Würde es das Grab ihres Mannes sein oder womöglich das Grab ihrer Kinder? Woher mochte sie wohl kommen, ich hatte sie hier noch nie gesehen? Ich überlegte ob sie vielleicht von ganz fern kam und sie nach dem Tod ihrer Angehörigen fortgezogen war, die Nähe nicht mehr ertragen konnte, da zu leben wo ihre Liebsten gestorben waren. Sie hatte sich eine Wohnung genommen in einer größeren Stadt, sie hat ihr Leben verändert. Dennoch war sie in jedem Jahr zweimal zum Grab ihrer Angehörigen gekommen um es zu pflegen.

Sie ruhte sich nicht aus, sondern arbeitete in einem fort. Ich dachte mir, sie hat sich sicher das Taxi wieder bestellt um wieder nach Hause zu fahren und sie wusste, dass sie nicht so viel Zeit hatte wie sie vielleicht wollte. Die Arbeit muss getan werden, ihre ganzen Bewegungen und ihre Hände die Grabarbeiten, all das ließen erahnen, dass sie in ihrem Leben stets das getan hat was sie wollte, dass sie immer ein pflichtbewusstes Leben geführt hatte, und auch jetzt, nach dem alle gestorben waren, hält sie sich an ihre Pflicht für Ihre Familie da zu sein, auch wenn sie nicht mehr lebt.

Ich stand auf, nahm mein Hund und wir gingen in einem großen Bogen um sie herum. Immer wieder schaute ich zu ihr rüber blieb einen kurzen Moment stehen. In diesem einen kurzen Moment blickte sie auf, schaute in meine Richtung. Ich hatte das Gefühl. dass sie mir direkt in die Augen sah, erst jetzt konnte ich ihr Gesicht sehen. Ich schätze ihr Alter auf über 80 Jahren. Sie hatte ein schön geschnittenes Gesicht, eine feine Nase. Ihre Wangenknochen waren hoch angesetzt und unter ihrem Sonnenhut konnte ich weiße Haare erkennen. Sie hatte den Blick auf mich gerichtet und ich konnte die Farbe ihrer Augen erkennen. Trotz der Entfernung sah ich, dass sie blaue Augen hatte.

Ich wollte meinen Blick abwenden, ich konnte es aber nicht und ich bin sicher, dass sie das gemerkt hatte. Sie musste früher eine wunderschöne Frau gewesen sein, denn noch jetzt in Ihrem Alter, konnte man sie nur schön nennen. Sie wendete den Blick ab und setzte ihre Arbeit an dem Grab fort.

Ganz Gedanken ob dieser Begegnung ging ich meinen Weg mit meinem Hund weiter. Nach etwa 15 Minuten kamen wir am Ausgang des Friedhofs wieder an. Dort stand ein Taxi und ich sah die Frau. Der Taxifahrer, es war derselbe, stieg aus, nahm den Trolley, verstaute ihn im Kofferraum. Er öffnete der Frau die hintere Tür des Taxis und sie stieg ein, den Hut behielt sie dabei auf. Der Taxifahrer schloss die Tür vorsichtig, ging um das Fahrzeug herum, stieg ein und startete den Motor, dann fuhr er fort. Ich blieb noch eine Weile stehen und schaute dem Taxi hinterher. Nach einer kurzen Weile nahm ich meinen Hund und wir gingen zurück.

Diese Geschichte von der ich jetzt erzähle, fiel mir wieder ein, als ich letzte Woche auf dem Friedhof an einem mit viel Liebe geschmückten Grab vorbei ging. Es muss das Grab gewesen sein an dem die Frau damals gearbeitet hatte. Ich konnte auf dem Grabstein erkennen, dass er frisch bearbeitet worden war. Es stand drauf eine ältere Inschrift, der eines Mannes. Als Todesdatum las ich das Jahr 1945. Als weitere Person stand darunter jemand mit dem Todesdatum 2017. Beide waren im Jahr 1928 geboren, am selben Tag. Ich schaute auf die Namen. Der Name der Frau war Elisabeth, der des Mannes Paul. Ohne Zweifel, es war die Frau die ich vor ein paar Jahren auf dem Friedhof gesehen hatte. Sie pflegte die ganzen Jahre über das Grab ihres Zwillingsbruders. Mit 17 Jahren war er gestorben. Vielleicht war im Krieg gefallen, als Kindersoldat in den letzten Tagen des Krieges. Was für eine tiefe Liebe muss sie zu ihrem Bruder empfunden haben, dass sie das Grab die ganzen Jahre über hinweg pflegte.

Hin und wieder gehe ich auf meinen Spaziergängen an dem Grab vorbei, mittlerweile sieht es sehr ungepflegt aus. Es scheint niemanden mehr zu geben der sich darum kümmern kann.

Ich habe mir eine kleine Schaufel und eine Harke gekauft, nehme sie mit und dann setzt sich mein Hund an das Grab und schaut mir zu wie ich vorsichtig die Erde umgrabe, Blumen darauf pflanze.

4 Kommentare zu „Die Frau auf dem Friedhof

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